Jonathan Steudle Oct 8, 2021 9:19:00 AM 3 min read

Steigende Kapitalkosten durch mehr Klimaschutz?!

Eine kurze Kritik der ökonomischen Vernunft

Das Research Bulletin No. 86 der EZB zeigt einmal mehr, wie weit volkswirtschaftliche Theorie von der wirtschaftlichen Realität entfernt sein kann. In einem kurzen Aufsatz zur Wirkung einer CO2-Steuer wird wie folgt argumentiert: 

Klimaschäden sind eine Form von Marktversagen, das durch den Staat behoben werden kann und muss. Dies ist selbstverständlich zutreffend, da die Folgen des Klimawandels alle betreffen, nicht nur diejenigen, die durch Klimabelastung Rendite erwirtschaften. Die Korrektur des Marktversagen kann durch eine CO2-Steuer erfolgen. Die Höhe der CO2-Steuer soll dabei dem Present Value der verursachten Schäden entsprechen - so trägt der Verursacher und nicht die Allgemeinheit die Kosten klimaschädlichen Verhaltens. Diese Kosten belasten unmittelbar die Gewinne der Unternehmen und müssen aus makroökonomischer Perspektive als Trade Off zum Klimaschutz betrachtet werden. Während eines konjunkturellen Abschwungs würde die Steuer allerdings wie ein Brandbeschleuniger wirken – darum wird für eine konjunkturabhängige CO2-Steuer plädiert.  

Gäbe es hierzulande nicht so lästige Dinge wie Wahlen, könnte theoretisch eine optimale Steuer gefunden und erhoben werden. Allerdings lassen sich Parlamentarier nur ungern von Theoretikern in der Gesetzgebung bevormunden und der wirtschaftliche Sachverstand ist unter den Parteien eher ungleich verteilt.  

Weiter im Text. Eine CO2-Steuer und der damit einhergehende Klimaschutz würden die Risikoaversion der Sparer senken: Weil sie keine Angst mehr vor dem Klimawandel hätten, würden die Akteure weniger Geld zur Seite legen. Das abnehmende Sparvolumen würde in der Folge den realen Gleichgewichtszins erhöhen.  Oder anders formuliert: Klimaschutz führt zu steigenden Kapitalkosten. Diese These in vielerlei Hinsicht kritikwürdig.  

Erstens: Kennen Sie irgendjemand, der spart, weil er Angst hat, dass ihm irgendwie und irgendwann in unbekannter Höhe ein Schaden durch den Klimawandel entstehen könnte? Kennen Sie irgendjemand, der sich heute ein Sofa kaufen würde, wäre da nicht dieser bedrohliche Klimawandel?   

Zweitens: Solange die EZB den Einlagenzins bei -0,5% belässt und durch gigantische Ankaufprogramme die Anleihenrenditen im Investmentgrade-Bereich auch in den langen Laufzeiten um die Null drückt, wird die Risikoaversion der Sparer keinen Effekt haben.  

 Drittens: Die Überalterung der westlichen Gesellschaft führt zwangsläufig zu steigendem Anlagevolumen bei Pensionsfonds. Dieser Trend wird durch die aktuellen politischen Bestrebungen (mehr betriebliche Altersvorsorge, mehr private Vorsorge und eine kapitalgedeckte Rentensäule) massiv befördert. Dabei könnte das Ausbremsen des Klimawandels sogar als Verstärker wirken: Wenn keine Lieferketten bei Arzneimitteln durch Katastrophen unterbrochen werden, wenn die Agrarwirtschaft nicht durch Dürre gestört wird, wenn die Stromversorgung nicht durch Stürme gestört wird, dann wird sich ceteris paribus die steigende Lebenserwartung weiter erhöhen und somit noch mehr Vorsorge notwendig sein.  

Eine konjunkturabhängige CO2-Steuer ist eine nette Idee, zu einem höheren Zins wird sie allerdings eher nicht führen.

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