Julia Grote Nov 9, 2021 12:20:50 PM 5 min read

Klimawandel & Finanzmarktstabilität

Klimawandel – Eine Bedrohung für die Finanzmarktstabilität in Europa? 

Im Herbst kehre ich gerne zurück in den Sommer – zumindest geistig ist das schließlich möglich. Kommen Sie mit auf meine Reise in den Juli 2021, als die EZB eine Studie veröffentlichte, die erstaunlich wenig Resonanz verursachte. Die rund 83 Seiten haben es in sich: Sollte die Weltgemeinschaft es nicht schaffen, die Pariser Klimaziele in einer geordneten Transition zu erreichen, ist der EU-Finanzmarkt erheblichen spezifischen und systemischen Risiken ausgesetzt. 

WRONG WAY RISK 

Europa ist ein flussreiches Gebiet mit einer starken Konzentration von wertvollen Industriebetrieben an einzelnen Standorten in Mittel- und Nordeuropa. Aus diesem Grund haben Flutkatastrophen hier das höchste Schadenspotenzial. Wenn das Wasser kommt, werden Produktionskapazitäten zerstört und es entstehen mehrere Probleme für die Bank: Das Produktionsunternehmen kann seine Zahlungen an die Bank nicht mehr leisten, die Kreditsicherheit (z.B. eine Maschinenhalle) verliert erheblich oder vollständig an Wert und durch den Arbeitsplatzverlust geraten auch die Mitarbeiter mit ihren Privatkrediten in Verzug. Sollten sich deren finanzierte Immobilie ebenfalls im Flutgebiet befinden, beginnt für die Bank eine echte Abschreibungswelle. Ein sogenanntes wrong way risk, das eine hohe Durchschlagskraft hat. Derzeit sind in der EU nur 35% der durch Naturkatastrophen verursachten Schäden versichert. Sollten sie sich häufen, werden die Prämien steigen oder im schlimmsten Fall überhaupt nicht mehr versicherbar sein. 

ABWERTUNG VON CORPORATE BONDS  

Ein weiteres Risiko ergibt sich aus einem stark und schnell steigenden CO2-Preis, der auf politischer Ebene momentan wohlwollend diskutiert wird. Zweifellos hat ein hoher CO2-Preis eine vorteilhafte Lenkungswirkung und löst überdies auch das Gerechtigkeitsproblem: der Schädigende trägt einen fairen Anteil der für Dritte anfallenden Kosten. Eine abrupte Erhöhung allerdings würde auch die Produktionskosten bestimmter Branchen abrupt nach oben treiben und damit vermutlich ein Rating Downgrade nach sich ziehen, da sich ceteris paribus die Margen schlagartig verringern und dadurch die Finanzkraft sinkt. Solche Downgrades schlagen sich in den Anleihekursen der Firmen wieder: der Preis sinkt. Diese abrupte Abwertung stellt für Banken insofern ein Risiko dar, da große Banken nicht nur Kredite vergeben, sondern für Handelszwecke und zur Liquiditätssteuerung auch Corporate Bonds in den Büchern haben. Eine schlagartige Abwertung dieser Anleihen führt hier zu sofortigen Verlusten. Die EZB schätzt den potenziellen Verlust (tail risk) für ein solches Szenario auf zehn Prozent der durchschnittlichen Bankbilanz.  

KONZENTRATIONSRISIKO 

Die beschriebenen Risiken (Kreditausfall, Sicherheitenverfall, Abwertung von Anleihen) sind nicht gleichmäßig auf die europäischen Kreditinstitute verteilt. 25 EU-Banken haben ganze 70% der Kredite im Portfolio, die einem hohen oder steigenden physikalischen Risiko ausgesetzt sind. Bei sieben der 25 Banken beträgt das Exposure in solchen Krediten mehr als 10% ihrer Bilanzsumme. Hierbei handelt es sich um relativ große Banken (durchschnittliche Bilanzsumme von 672 Mrd. €), die potenziell auch dem aufgezeigten Marktpreisrisiko für Corporate Bonds ausgesetzt sind.  

Hört sich mies an? Eine konkrete Bedrohung für den EU-Bankensektor ergibt sich derzeit nicht, da die hohen Kapitalquoten auch Verluste aus Klimarisiken abfedern können. Eines hat die Studie allerdings klar ergeben: Die größte Gefahr für unseren Wohlstand wäre keine Klimapolitik, denn sogar eine abrupte Transition (einem schlagartigem CO2-Preis-Anstieg auf über 100 €/t) würde weniger Kosten verursachen als die langfristigen Schäden durch Katastrophen durch eine ungebremste Erderwärmung.   

Die gesamte Studie finden Sie hier:

https://www.ecb.europa.eu/pub/pdf/other/ecb.climateriskfinancialstability202107~87822fae81.en.pdf 

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